31. Jahrestagung - Deutsche Gesellschaft für AlterszahnMedizin (DGAZ) - Taunus Königstein
„Die aufsuchende Betreuung unter die Lupe genommen“

Im Mittelpunkt der Tagung stand dieses Jahr die aufsuchende Betreuung - Ambulant sowie Stationär in einer Pflegeeinrichtung. Dabei wurden auch die neuen Versorgungsrichtlinien in der Parodontologie beleuchtet insbesondere der §22a-Patienten (Patienten mit Pflegegrad).

Laut Prof. Dr. Ina Nitschke, MPH (DGAZ-Präsidentin): Die Regelmäßigkeit termingerechter Besuche, die Möglichkeit einer der Wissenschaft angepassten Therapie sowie die Kooperationen mit der Pflege, den Ärzten und Angehörigen empfinden wir als tragende Säule einer verantwortungsbewussten Betreuung unserer älteren Patientinnen und Patienten.

kzv berlinFreitag, den 13. Mai

Der erste Tag der DGAZ Jahrestagung ist traditionell der politische Nachmittag. Die Seniorenzahnmedizin wurde diesmal seitens der Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung (KZBV) und der Bundeszahnärztekammer (BZÄK) unter die Lupe genommen.

 

hendges benzMartin Hendges, stellvertretender Vorsitzender der KZBV, stellte die positive Entwicklung in der aufsuchenden Versorgung da, die stetig zunehmend Zahl an Kooperationsverträgen (Im Jahr 2014: 713, während im Jahr 2021: 6251). Dies entspricht einem Abdeckungsgrad von 40,6% - der Abdeckungsgrad ist regional jedoch sehr unterschiedlich, Spitzenreiter sind die Kammerbereich Westfalen-Lippe und Hamburg (mit über 60%).

Anhang der Abrechnungsdaten lässt sich ermitteln, dass die Bewohner eines Wohnheims mit Kooperationsvertrag systematischer und damit auch für den Patienten zielgerichteter versorgt werden. Die Altersbezogene Leistungsbeanspruchung wächst in der Quote deutlich, in Vergleich zur Alterskohorte ist dies eine Gegenläufige Entwicklung. Es kommt zu einer Morbiditätskompression, dh. der Behandlungsbedarf verschiebt sich zunehmend in die älteren Kohorten und damit in den Bereich der Seniorenzahnmedizin.

Christoph Benz, Präsident der BZÄK zieht im zweiten Vortrag Ebenenfalls eine positive Bilanz - „die Pflegezahnmedizin ist angekommen“.
Die Veröffentlichung des Expertenstands, die neue Leitlinie zahnmedizinische Behandlung von geriatrischen Patienten, zeigt deutlich dass die aufsuchende zahnmedizinische Versorgung sich zunehmend in allen Bereichen der Medizin und Wissenschaft etabliert ist.
Die Seniorenzahnmedizin stehe aber noch vor der größeren Herausforderung Lösungen für die ambulant versorgten Patienten zu gestalten. Benz mahnt, dass die GOZ dringend „Pflegefit“ gemacht werden muss.

Abschließend formuliert Benz „Die Pflegezahnmedizin ist dank des großen Engagement vieler Akteure sehr gut aufgestellt, der Bedarf ist noch lange nicht gedeckt“

Die Sicht der Pflege erläuterte an diesem Nachmittag Dr. Markus Mai, Präsident der Pflegekammer Rheinland Pfalz - er konstituiert „jeder angemessene Versorgte ist ein gemeinsamer Gewinn“. Er erläutert, dass die Etablierung eines Expertenstandards „das System Pflege triggert“ und es in Zukunft seitens der Pflege zu einer zusätzlichen Sensibilisierung für das Thema Mundgesundheit kommen wird.

DGAZ podiumsdiskussion der Jahrestagung 2022In der abschließenden Podiumsdiskussion mit Benz, Hendges, Haffner, Ludwig Mai, wurde darüber diskutiert ob eine Delegation zahnmedizinischer zahnpflegender Leistungen ggf. den enormen Versorgungsbedarf bedienen kann. Die gemeinsame Meinung war, dass die Gefahr der Delegation auch zur Substitution führen kann, und dass gerade die medizinisch anspruchsvollen Patienten (multimorbide, polypharmazie) eine bestmögliche Versorgung benötigen. Darüber hinaus stellt der zunehmende Fachkräftemangel nur eine bedingte Möglichkeit zur Delegation.

Diese angeregte Diskussion konnte dann bei einem gemeinsamen Abend fortgeführt werden.

 

Samstag, den 14. Mai.

Herr Martin Hendges eröffnete die samstägliche Vortragsreihe mit dem Vortrag „Erste Erfahrungen mit der neuen PA-Strecke aus Sicht der KZBV„. Es wurden Daten präsentiert, wie die Entwicklung in Millionen von Punkten im Jahr 2021, mit einem Durchschnitt von 40 bis 45 Millionen Punkten und einer Prognose für das Jahr 2022 mit Werten von bis zu 75 Millionen Punkten. Darüber hinaus wird sich das Abrechnungsvolumen seit der Einführung der neuen PA-Richtlinie voraussichtlich verdreifachen (von 515 Millionen auf 1700 Millionen Euro).

Etwa 60 % der Parodontalerkrankungen waren Grad B, 33 % Grad C. Grad A wird meist bei den Jüngeren Patienten (ab 25 Jahren) festgestellt, während Grad B und C ihre höchsten Werte ab dem Alter von 55 Jahren erreichten.

Eine Parodontalerkrankung des Grades C ist in jedem Fall mit höheren Kosten verbunden, vor allem wegen des höheren Umfangs der unterstützenden Parodontaltherapie (UPT). Die Kosten pro Fall belaufen sich auf 1.700 Euro, verglichen mit 1.400 Euro für Grad B und etwa 1.000 Euro für Grad A.

Patienten nach § 22a SGB V: Die KZBV erkennt die Komplexität und Ausnahmesituation der Parodontalbehandlung für Patienten mit besonderen Bedürfnissen an. Daher wurde betont, dass eine Genehmigung für eine Parodontalbehandlung nicht erforderlich ist (keine Genehmigungspflicht). Das Formular 5e dient als „Anzeige einer Behandlung von Parodontitis bei anspruchsberechtigten Versicherten nach § 22a SGB V“.

Bei Sondierungstiefen (ST) größer oder gleich 4 mm kann sofort eine antiinfektiöse Therapie (AIT) nach § 9 der PAR-Richtlinie durchgeführt werden. Darüber hinaus, bei Patienten, die zur Durchführung einer zahnärztlichen Behandlung eine Vollnarkose benötigen, kann bei ST größer oder gleich 6 mm die chirurgische Parodontaltherapie (CPT) erfolgen (vorhergehende AIT entfällt).

Die KZBV bereitet sich bereits auf die Evaluation zwei Jahre nach Einführung der neuen Richtlinie vor.

Im folgenden Vortrag stellte Dr. Michael Weiss aus Essen seine Erfahrungen mit der neuen PA-Richtlinie aus der Sicht einer Zahnarztpraxis vor.

Die Vorteile der Umsetzung der modifizierten PA Strecke für Pflegebedürftige wurden aufgelistet: Stabilisierung der Mundgesundheit, Zahn- und Mundprophylaxe, die deutlich über das Entfernen von Zahnstein hinausgeht, Patienten erhalten eine 2 Jahre dauernde kontinuierliche parodontologischen Nachsorge und Betreuung, usw. Auch die Herausforderungen, die sich seit Beginn der Umsetzung der neuen Richtlinie ergeben haben, wurden erläutert.

Die Komplexität der Durchführung der zahnärztlichen Behandlung bei Patienten mit besonderen Bedürfnissen wurde sehr detailliert dargestellt: Einverständnis des Patienten, Betreuers / Bevollmächtigter, Zustand des Patienten (HA-, FA-Konsil), Zeitfenster für Behandlung, Organisation, Teams bilden, usw.

Die BEMA-Positionen wurden an konkreten Beispielen von Besuchen bei behandlungsbedürftigen Patienten erläutert. Außerdem wurden verschiedene Fotos als Beispiele gezeigt, die das enorme soziale Engagement verdeutlichen, das notwendig ist, um eine zahnärztliche Behandlung in situ durchzuführen.

Dr. Cornelius Haffner ergänzte die Präsentation mit Daten aus der Fünften Deutschen Mundgesundheitsstudie (DMS V), daraus lässt sich eine hohe Prävalenz der Notwendigkeit einer Parodontalbehandlung bei Patienten über 65 Jahren sowie bei Patienten mit Pflegebedarf ableiten.

Da die parodontitisspezifische, klinische Befundung oft nicht möglich ist, ist die Einbeziehung Dokumentationsbogen nach § 8 der PA- Richtlinie über Maßnahmen zur Verhütung von Zahnerkrankungen von Pflegebedürftigen und Menschen mit Behinderungen möglich.
Es wurde auch darauf hingewiesen, dass die BZÄK im Jahr 2021 Artikel veröffentlicht hat, die deutlich machen, dass es möglich ist, die Durchführung konkreter Maßnahmen zu delegieren.

Prof. Cornelia GanssIm Rahmen der wissenschaftlichen Präsentationen und Vorträge der Tagung hielt Dr. Carolina Ganß von der Justus-Liebig-Universität Gießen einen Vortrag zum Thema: „Antibakterielle Wirkstoffe in der zahnärztlichen Therapie - eine Chance zur Unterstützung der Mundgesundheit bei pflegebedürftigen Patienten (aus kariologischer Sicht)“.

Das derzeitige Paradigma für Zahnkaries ist nach wie vor multifaktoriell, wobei der Säureangriff zur Demineralisierung und dem anschließenden irreversiblen Verlust der Zahnhartsubstanz führt. Besonders relevant bei älteren Patienten ist die Wurzelkaries. Zu den uns bekannten Materialien mit potenziellem Nutzen für die Prävention und Behandlung von Karies gehören: Chlorhexidin, Xylit, Arginin, Probiotika und andere.

Die Wirksamkeit von Cholrhexidin (CHX) wurde 2010 überprüft, wobei keine schlüssigen Beweise in Bezug auf CHX-Lack gefunden wurden. Was die Wurzelkaries betrifft, so könnte CHX bei fehlender professioneller Mundhygiene eine positive Wirkung haben, auch wenn die Beweise schwach sind.

Der Süßstoff Xylit hat die Eigenschaft, nicht fermentierbar zu sein, so dass er keine Senkung des pH-Wertes verursachen würde. Es wird häufig in Form von Kaugummi, Tabletten, Zahnpasta und sogar in Bonbons verwendet. Obwohl Studien aus den 1980er Jahren einen gewissen Nutzen von Xylit gezeigt haben, wurde 2015 ein Cochrane-Review veröffentlicht, in dem die Wirksamkeit von Xylit bei der Vorbeugung von Zahnkaries sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen (keine Daten bei älteren Erwachsenen) untersucht wurde, wobei schlechte Ergebnisse erzielt wurden. Eine kürzlich durchgeführte Studie aus dem Jahr 2022 hat jedoch erneut gezeigt, dass es im Vergleich zu anderen Produkten bei der Kariesprävention nützlich ist, obwohl seine klinische Wirksamkeit in Bezug auf die Nettowerte umstritten ist.

Sowohl Arginin als auch die Verwendung von Probiotika sind in den letzten zehn Jahren auf besonderes Interesse gestoßen, aber der anfängliche Enthusiasmus hat nachgelassen, da es noch keine überzeugenden Beweise gibt, die ihre wirksame Verwendung empfehlen. Im speziellen Fall der Probiotika wurden mehrere klinische Studien veröffentlicht, aber die Heterogenität der Studien, d. h. die unterschiedliche Anzahl der probiotischen Stämme, sowie die Art der Verabreichung, die Kontrollzeit usw., waren Variablen, die die erzielten Ergebnisse erklären könnten.

Dr. Elmar LudwigDr. Elmar Ludwig berichtete von der Entstehung des Projekts Mund-Pflege-3d, bei dem mit animierten Clips Pflegekräften die Durchführung der Mundhygiene bei Pflegebedürftigen erläutert werden soll. Das besondere Augenmerk bei den Animationen liegt bei der Ergonomischen Durchführung. https://www.youtube.com/channel/UCTxCPOl5PzcyYREPHtELMEg

 

 

Dr. Julia JockuschIm Vortrag „Zur zahnärztlichen Behandlung von Menschen mit schwerer Demenz" von Dr. Julia Jockusch, M.Sc. und Prof. Dr. Ina Nitschke, MPH, wurden die Ergebnisse einer explorativen und deskriptiven Studie an Demenzkranken vorgestellt.

In Bezug auf Karies wurde festgestellt, dass mit zunehmendem Grad der Demenz die Zahl der kariösen Zähne deutlich ansteigt. Im Falle einer Parodontalerkrankung kann unabhängig vom Grad der Demenz eine wirksame Parodontalbehandlung durchgeführt werden.

Ein weiterer Zusammenhang bestand darin, dass mit zunehmendem Schweregrad der Demenz die Entzündungszeichen (z. B. Blutungen beim Sondieren) zunahmen. Auch der Prothesenhygieneindex war direkt betroffen, und zwar in dem Maße, wie die Demenz stärker ausgeprägt war.

Interventionen zur Verbesserung der Mundhygiene haben sich vor allem bei mittelschwerer bis schwerer Demenz als wirksam erwiesen.

Es hat sich gezeigt, dass physiotherapeutische Übungen die Kaukraft bei dementen Patienten verbessern. Schließlich wurde ein Modell der zahnärztlichen Behandlung dementer Patienten vorgestellt, bei dem mit zunehmendem Grad der Demenz der auf Gerodontologie spezialisierte Zahnarzt eine wichtige Rolle spielt, da er über die notwendigen Kompetenzen verfügt, um die Behandlung aus einer ganzheitlichen Perspektive anzugehen.

PD Dr. Dr. Greta Barbe beendete den Vormittag der Vorträge und berichtete aktuelle Forschungsprojekte der Universität Köln, unter anderem das Mundpflegeservice-Angebot, hier wird untersucht, welche Auswirkungen „regelmäßiges professionelles Zähneputzen“ auf die Mundgesundheit haben - eine Putzeinheit dauert 15 Minuten.

DGAZ SpezialistenpruefungAm Wochenende wurden 9 Mitglieder zum Spezialisten für Seniorenzahnmedizin geprüft.

 

 

 

DGAZ Preistäger Dr. Dr. WillenborgIm Rahmen der Jahrestagung wurde dieses Jahr der Deutsche Preis für Seniorenzahnmedizin verliehen. Seit dem Jahr 2000 preist die DGAZ in unregelmäßigen Abständen herausragende Leistungen auf dem Gebiet der SeniorenzahnMedizin aus. Es können sowohl wissenschaftliche Arbeiten und Studienprojekte (Kategorie W) als auch Projekte und Initiativen von Praxisteams oder anderen einschlägigen Arbeitsgruppen (Kategorie P) eingereicht werden.

Der diesjährige Preisträge ist Dr. Dr. Hans-P. Wellenborg aus Moers.

 

Fotos:
Heinz von Bülow