29. Jahreskongress der DGAZ in Kooperation mit der ZÄK Hamburg am 15. Juni 2019 mit dem Thema „Prothetische Versorgung bei Gebrechlichen und Pflegebedürftigen"

Leipzig/Hamburg. Das Thema „Prothetische Versorgung bei Gebrechlichen und Pflegebedürftigen"  bestimmt den 29. Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für AlterzahnMedizin (DGAZ), der in Kooperation als 3. Sonderfortbildung der Zahnärztekammer (ZÄK) Hamburg zur AlterszahnMedizin am 15. Juni 2019 im Hotel Hafen Hamburg stattfinden wird. Anmeldemöglichkeit und Programm finden sich auf der DGAZ-Homepage www.dgaz.org. Im Fokus stehen beim Kongress Patienten, die aus unterschiedlichen Gründen pflegebedürftig geworden sind und deren zahnmedizinischer Status sich dadurch verschlechtert. Zentrale Fragen, die sich daran knüpfen, sind etwa, wie sich eine Verschlechterung vermeiden lässt, welche Hilfe bei der täglichen Mundhygiene möglich ist und wie Zähne geplant entfernt werden können, falls das notwendig wird. Im Interview erläutert Kongresspräsident Dr. Thomas Einfeldt, Vizepräsident der ZÄK Hamburg und Landesbeauftragter der DGAZ, weitere Details.

Das Kongressthema dürfte für immer mehr Zahnarztpraxen in ihrem Behandlungsalltag relevant sein. Dabei wird es auch darum gehen, dass die prothetische Versorgung dem Allgemeinzustand des Patienten angemessen sein soll. Was ist dabei grundsätzlich zu beachten?

Dr. Einfeldt: Natürlich sollte bei jedem Patienten der Allgemeinzustand berücksichtigt werden, aber Pflegebedürftige – die manchmal wegen beginnender Mobilitätseinschränkungen schon länger nicht mehr bei Zahnarzt waren, weisen durchaus auch alten Zahnersatz auf, der nach strengen prothetischen Kriterien komplett erneuert werden müsste, um wirklich wieder komfortabel und ästhetisch zu sein.

Zeigt sich dann aber bei der Untersuchung, dass der Patient wegen Schluckstörungen oder Linksherzinsuffizienz oder anderer zusätzlicher Diagnosen durch eine Abnahme alter abgenutzter Kronen und Neupräparation möglicherweise stark belastet wird, muss wirklich abgewogen werden: Was ist zu riskant, selbst wenn der Patient grundsätzlich einwilligt? Wie berate ich? Lassen sich Verblendungen reparieren? Muss es wirklich eine neue Teleskopkrone sein oder kann eine Modellguss-Klammer auch zum Erfolg der Versorgung beitragen? Und: Schätze ich als Behandler die Adaptationsfähigkeit des Patienten richtig ein – wird er sich an neuen Zahnersatz mit neuer Bisshöhe gewöhnen? Kann der neue Zahnersatz auch gut im Mund gepflegt werden – wenn eine Pflegefachkraft oder die Angehörigen helfen müssen? Wenn man erst die alten Kronen entfernt hat, lässt sich der alte gewöhnte Zustand eben nicht wieder herstellen. Optimistische, noch weniger erfahrene Zahnärztinnen und Zahnärzte sollten sich in die Lage hochbetagter Patienten versetzen – und dann mit Bedacht beraten!

Die Vortragsthemen reichen von der richtigen Kommunikation des Praxisteams mit dementen Patienten über verschiedene Ansätze prothetischer Versorgung bis hin zum implantatgestützten Zahnersatz und digitaler Totalprothetik sowie der Versorgung von komplexen multimorbiden Patienten. Auf welchen dieser Vorträge freuen Sie sich besonders und warum?

Dr. Einfeldt: Ganz besonders interessant finde ich die Aufgabe, mit scheinbar einfachen Materialien wie Modellguss oder PEEK oder Polyamid gute funktionstüchtige und ästhetische Teilprothesen herzustellen. Wir Zahnmediziner sind ja technikaffin und finden komplizierte Behandlungen spannend und herausfordernd; aber manchmal ist die „einfache“ Lösung einfach besser.

Auch die Politik kommt nicht zu kurz: „Politischer Pflegefall Mundhöhle" heißt ein provokanter Programmpunkt, den DGAZ, ZÄK und KZV Hamburg gemeinsam bestreiten. In welchen Bereichen muss Politik liefern?  

Dr. Einfeldt: Mit „Politischer Pflegefall Mundhöhle“ ist gekennzeichnet, dass es durchaus noch Verbesserungen der zahnmedizinischen Betreuung geben könnte. Das fängt bei der „Aufarbeitung“ alter Prothesen an, die zwar technisch noch intakt, aber wegen Pflegehemmnissen und Abnutzungserscheinungen äußerst unhygienisch gestaltet sind. Sie könnten „umgestaltet“ und verbessert werden – aber dafür gibt es noch keine BEMA-Regeln, auch nicht für die Kennzeichnung von herausnehmbaren Zahnersatz, der manchmal in Wohn-Einrichtungen verloren geht und nicht wieder zugeordnet werden kann.

Bei gutem Willen und erfolgter Fortbildung der Pflegefachkräfte stößt aber die tägliche Mundhygiene doch auf Grenzen: Eine „Pflege-PZR-Position inkl. Fluoridierung“ könnte bei bestimmten Diagnosen und Pflegegraden helfen, den hochwertigen Zahnersatz (ja, auch Implantate sind immer häufiger bei Pflegefällen zu finden) zu retten. Es wird dann von Sozialpolitikern gefragt: Lohnt sich das noch? Wer soll´s bezahlen? Genau das sind die Fragen.

Schlimm finde ich auch, dass es schwieriger wird, für multimorbide Hoch-Risiko-Patienten Krankenhaus-Abteilungen zu finden, die kombiniert chirurgisch-konservierend ggf. in Narkose behandeln können und wo auch eine Nachsorge organisiert ist. Nachblutungen oder Verwirrtheitszustände nach Narkose – das sind mögliche Komplikationen, mit denen Angehörige zu Hause oder die Nachschicht im Pflegeheim überfordert sind. Mir ist klar, dass es keine „Hau-ruck“-Verbesserungen geben wird, aber deutlich formulieren, das sollten die zahnmedizinischen Anwälte der Pflegebedürftigen, möglicherweise auch im eigenen Interesse, denn wir werden alle älter…

Sie selbst werden vom „Hamburger Projekt Zahnmedizin und Pflege" berichten. Was hat es damit auf sich?

Dr. Einfeldt: Das „Hamburger Projekt Zahnmedizin und Pflege“ ist nur ein Beispiel, wie Zahnmediziner und Pflegefachberufe zusammen arbeiten können; und es hat auch erst begonnen, läuft in ersten Schritten. Uns ist klar, dass wir Zahnmediziner ohne die täglichen Mundhygiene-Maßnahmen der Alten-Pfleger, ambulant oder stationär, dem Ziel Erhalt der Zahngesundheit nicht näher kommen können. Vielleicht kann das Hamburger Beispiel auch in anderen Regionen helfen…

Die DGAZ versteht sich ja als große Familie. Warum ist „Nachwuchs" immer willkommen und warum sollten Nicht-Spezialisten der SZM unbedingt zum Kongress nach Hamburg reisen?

Dr. Einfeldt: Ich freue mich immer, wenn Zahnärztinnen und Zahnärzte, die sich möglicherweise im Studium nie mit den Facetten der Pflegebedürftigkeit befassen mussten, diesen Aufgabenbereich im Praxisspektrum annehmen und bewältigen wollen. „Learning by doing“ ist eine Methode – aber man kann auch aus den Erfahrungen und von den Methoden anderer Kollegen lernen. Der kollegiale Austausch ist wichtig!

Bereits am Vortag zum Kongress werden drei firmeneigene Workshops veranstaltet und während der Tagung wird auch eine Industrieausstellung zu besichtigen sein. Was - in aller Kürze - dürfen Teilnehmer hier erwarten?

Dr. Einfeldt: Bei der Organisation des Kongresses in Hamburg wollte ich gern auch norddeutschen Firmen die Möglichkeit geben, ihre technischen Angebote für die Versorgung von Senioren zu präsentieren. DMG, Merz und Steco-System-Technik sind überregional bekannte Firmen, aber Workshops und Kongress bieten sich als Verbindung an. Neue Kunststoffe für „bis 5-Jahre-Langszeit-Provisoren“, innovative digitale Produktions-Prozesse bei der Totalprothetik sowie Magnet-Verbindungen zwischen Implantat und abnehmbaren ZE, das können interessante Lösungen für Senioren-Zahnmediziner sein!