DMS V: DGAZ-Präsidentin Prof. Ina Nitschke sieht trotz erzielter Erfolge einen hohen Bedarf sowohl bei älteren als auch pflegebedürftigen Menschen

Leipzig. Die Ergebnisse der Fünften Deutschen Mundgesundheitsstudie (DMS V) sorgen für ein breites Lächeln in der deutschen zahnmedizinischen Landschaft. Haben sich doch die Prävalenzen der beiden Volkskrankheiten Karies und Parodontitis im Vergleich zu den vorangegangenen repräsentativen Untersuchungen deutlich verringert, die schwerer Parodontalerkrankungen hat sich zwischen 2005 und 2014 sogar nahezu halbiert. Von gestiegener Mundgesundheit profitieren prinzipiell auch die älteren Menschen hierzulande. War im Jahr 1997 noch jeder Vierte von ihnen völlig zahnlos, so hat sich dieser Wert (Datensammlung in 2014) halbiert. Allerdings zeigt sich in der Studie auch, dass Menschen mit Pflegebedarf über eine höhere Karieserfahrung und weniger Zähne verfügen. Perspektivisch wird der Bedarf bei Parodontalbehandlungen wegen der demographischen Entwicklung und der Verschiebung von Prävalenzen in höhere Lebensalter weiter wachsen.

„Für uns und die Seniorenzahnmedizin gibt es keinen Grund, uns auf den durchaus vorhandenen Erfolgen bei der Mundgesundheit alter und sehr alter Menschen auszuruhen“, stellt Prof. Dr. Ina Nitschke (Uni Leipzig), Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für AlterszahnMedizin (DGAZ) und Co-Autorin der DMS V, fest. „Der demographische Wandel wird den Bevölkerungsanteil der 65- bis 79Jährigen von heute 15 Prozent auf 20 Prozent im Jahr 2030 anwachsen lassen, rund 29 Prozent der Bevölkerung werden dann über 65 Jahre alt sein. Das bedeutet, dass wir schon heute den Fokus der zahnmedizinischen Versorgung auf Menschen mit hohem und sehr hohem Alter sowie diejenigen mit Pflegebedarf richten müssen.“

Neben jüngeren Senioren (65- bis 74-Jährige) wurde erstmals auch die Gruppe der älteren Senioren (75- bis 100-Jährige) erfasst. Die jüngeren Senioren (1042 wurden untersucht) verfügten durchschnittlich über 16,9 Zähne (ohne Berücksichtigung der Weisheitszähne). Die Zahl der fehlenden Zähne korreliert mit dem sozialen Status. Bei hohem sozialen Status fehlen im Schnitt 7,4 Zähne, bei niedrigem sind es 12,8. In dieser Gruppe besaßen 33,0 Prozent einen abnehmbaren Zahnersatz, 36,6 Prozent einen festsitzenden und 14,1 Prozent sowohl einen festsitzenden als auch einen abnehmbaren Zahnersatz. Insgesamt aber hat sich die Zahl der eigenen Zähne in dieser Gruppe zwischen 1997 und 2014 um mehr als sechs Zähne erhöht - quer durch alle soziale Schichten. Und trotz mehr erhaltener Zähne ist der Anteil deg jüngeren Senioren mit einer Wurzelkaries im Vergleich zur DMS IV (2005) stark rückläufig und liegt bei 28 Prozent. Die Zahl der völlig Zahnlosen der Altersgruppe der jüngeren Senioren hat sich von 2005 (22,6 Prozent) bis heute (12,4 Prozent) nahezu halbiert.

Laut der Erhebung verfügen die älteren Senioren auf der Basis von 28 Zähnen im Durchschnitt noch über 10,2 eigene Zähne. Bezahnte ältere Senioren besitzen ohne Berücksichtigung der Weisheitszähne 15,2 Zähne. Von 1133 untersuchten Probanden dieser Gruppe besaßen 7,4 Prozent keinen Zahnersatz, 57,4 Prozent einen abnehmbaren, 19,8 Prozent einen festsitzenden und 15,4 Prozent sowohl einen festsitzenden als auch einen abnehmbaren Zahnersatz.

Einen deutlich rückläufigen Trend verzeichnet die DMS V beim Auftreten der schweren Parodontitis bei der Gruppe der jüngeren Senioren (DMS IV: 44,1 Prozent; DMS V: 19,8 Prozent). Auch das Ausmaß der moderaten Parodontalerkrankungen geht zurück. Dennoch weisen 65 Prozent in dieser Altersgruppe eine parodontale Erkrankung auf. Dieser Trend verstärkt sich bei den älteren Senioren. Hier sind neun von zehn Menschen von einer moderaten oder schweren Parodontitis betroffen.

Besonders im Fokus bleiben ältere Menschen mit Pflegebedarf. Sie weisen eine schlechtere Zahn- und Mundgesundheit auf als die gesamte Altersgruppe der älteren Senioren. Rund ein Drittel von ihnen ist nicht mehr selbst in der Lage, Zähne und Zahnprothesen eigenständig zu reinigen. Sie benötigen Unterstützung bei der täglichen Mundhygiene. Rund zwei Drittel der Menschen aus dieser Gruppe sind auch nicht mehr in der Lage, eigenständig einen Zahnarzttermin zu organisieren oder eine Praxis aufzusuchen. „Hier liegt ein wichtiger Ansatz für die Zukunft,“, so Prof. Nitschke, „weil das diese Menschen betreuende Personal - gleich ob in stationären Pflegeeinrichtungen oder zuhause - entsprechend geschult werden muss. Außerdem sollte die zahnmedizinische Versorgung auch dann gesichert sein, wenn Patienten nicht mehr zum Zahnarzt kommen können.“

„Trotz der zum Teil erfreulichen Tendenzen bei der Mundgesundheit der Senioren verzeichnen wir eine zunehmende Zahl von älteren Menschen, die unserer besonderen Aufmerksamkeit bedürfen. Alle Akteure im Bereich der oralen Gesundheit sollten erkennen, dass die Senioren die am stärksten wachsende Patientengruppe in der Zahnmedizin sind“, betont Prof. Nitschke. „Und speziell in der aufsuchenden Versorgung, etwa in stationären Pflegeeinrichtungen, klaffen nach wie vor große Lücken. Deshalb sollten möglichst viele Zahnmediziner die Angebote der DGAZ nutzen und sich zum Spezialisten der Seniorenzahnmedizin fortbilden.“ Weitere Informationen dazu finden sich auf der Homepage der DGAZ (www.dgaz.org).